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Unsere Buchempfehlungen zu den Themen: Schuhe, Mode und Lifestyle



Fellinis Schuhe

von Judith Katzir

Neuerscheinungen von Autorinnen aus Israel

Von Stefana Sabin

«Dieses Jahr kommst du für die ganzen Ferien nach Hause», droht die Mutter mehr, als sie verspricht. Im Internat hat Sha`ul schon gelernt, dass die Welt «eine Hölle ist, in der man sich zurechtfinden muss». Sich zurechtfinden muss er auch während der Ferien in der ärmlichen Wohnsiedlung im Süden von Tel Aviv, wo aus jedem Fenster eine andere Sprache zu hören ist und in jeder Küche nach einer anderen Tradition gekocht wird – Sha`uls Zuhause ist eine Art Gossen-Babel, wo Emigranten aus ganz Europa ihr Leben fortzusetzen versuchen.

«Das Leben von Sha`ul glich einer dünnen Schnur, an der seine Ängste hingen.» Die Ängste, die ihn plagen, vertreibt sich Sha`ul tagsüber beim Herumziehen mit den anderen Kindern und abends bei Farkasz, dem ungarischen Friseur. Mitten in der Hässlichkeit des Alltags führt ihn Farkasz in die schöne Welt der Künste ein, indem er ihm Caruso-Platten vorspielt und aus Romanen vorliest und Gedichte rezitiert. Schliesslich schenkt Farkasz ihm zur Bar-Mizwa ein Buch, aus dem er lernt, wie «man etwas so kunstvoll reparieren kann, dass niemand es merkt». Ähnlich seinen Eltern und allen anderen Emigranten aus der Siedlung, versucht auch Sha`ul, sein Leben so zu reparieren, dass niemand es merkt. Diese Geschichte einer gefährdeten Kindheit, die mit Hilfe der Kunst «repariert» wird, skizziert Ruth Almog, 1936 in Petach Tikwa geboren, mit sicheren Strichen: In einer Sprache, die lyrisch und zugleich unsentimental ist, und mit starken Charakteren, die in ihren Handlungen plausibel sind, schafft sie eine dichte Atmosphäre, in der sich die Ladino-Gesänge mit dem Geruch von Mandelplätzchen mischen.

LEIDEN, LUST . . .

Voller Atmosphäre ist auch der neue Roman von Shulamit Lapid, durch den der sandige Wind der Negev-Wüste bläst, denn Handlungsort ist die Stadt Be`er Scheva. Diese israelische Provinzstadt hat Lapid, 1934 in Tel Aviv geboren, zu einer Hauptstadt der Kriminalliteratur gemacht: Seit 1989 recherchiert hier die hartgesottene Reporterin Lisi Badichi heikle Geschichten und gerät in gefährliche Situationen. Lapids Protagonistin ist eine israelische Marlowe-Tochter und eine ebenbürtige Schwester von Sue Graftons Detektivin Kinsey Millhone, die in Südkalifornien ihre Fälle löst: eine überzeugte Provinzlerin, die zwischen richtigem und falschem Handeln genau unterscheidet und mit sturer Entschlossenheit jeden einmal beschrittenen Weg zu Ende geht. Mit ihrer grossen Tasche streift Badichi auf der Suche nach einer grossen Geschichte durch Be`er Scheva, und wenn sie mal über Leichen stolpert, wie in diesem Roman, ist sie sich der Hilfe ihres Schwagers, der Polizist ist, sicher. So deckt sie schliesslich eine Machenschaft auf, die das wirtschaftliche Überleben der Stadt gefährdet.

Die kriminalistische Handlung ist geschickt eingefädelt und wird ebenso geschickt wieder gelöst, und es fehlt auch nicht an überraschenden Wendungen. Die Heldin ist ebenso sympathisch wie der Antiheld, ein junger Anwalt aus Tel Aviv, dem sie zuerst die kalte Schulter zeigt, um ihm später ihr Herz zu öffnen. Wie die amerikanischen Krimiautoren versteht es auch Lapid, ihren Figuren flotte Sprüche in den Mund zu legen und durch Lokalkolorit ihren Romanen jene Wirklichkeitstreue zu verleihen, die Krimis brauchen, um glaubhaft zu wirken.

Glaubhaft müssen nicht nur Kriminalromane, sondern auch Liebesgeschichten sein. Damit ist nicht die Identifikation mit den liebenden Figuren gemeint, sondern das Verstehen der psychologischen und emotionalen Lage, in der sie ihre Liebe erleiden. Die Beziehung zwischen der jungen Ja`ara und dem alternden Arie, die das «Liebesleben» im Roman von Zeruya Shalev ausmacht, ist schon deshalb nicht überzeugend, weil sie voller stilistischer und motivischer Klischees steckt. So ist die junge Frau erfahrungshungrig, der alte Mann blasiert; und während sie ihm regelrecht verfällt, bleibt er stets auf Distanz. Auch die inzestuöse Komponente, die darin liegt, dass der Liebhaber ein Freund des Vaters und ein ehemaliger Geliebter der Mutter ist, macht die Beziehung zwar merkwürdig, aber nicht plausibel. Dass eine junge Frau aus der sexuellen Behäbigkeit ihres Ehealltags ausbrechen will und in erotischer Leidenschaft zu sich selbst findet, ist schon lange ein Topos der Frauenliteratur – die Suche nach Glück führt in immer neue sexuelle Verstrickungen. Shalev, 1959 im Kibbuz Kinneret geboren, greift zwar stilistisch auf erotische Trivialliteratur zurück, lässt aber ihre Figur sexuelle Erfüllung als «Liebe» auffassen: Ja`ara will nicht das erotische Abenteuer – keinen «zipless fuck», von dem die Heldin in Erica Jongs Bestseller von 1973 «Angst vorm Fliegen» träumte –, sondern jene Wundermischung aus Sex und Sentiment, die den literarischen Kitsch ausmacht.

. . . UND MELANCHOLIE

Shalevs Ja`ara ist mit Malka, der Frauengestalt in der Erzählung «Fellinis Schuhe» von Judith Katzir, insofern verwandt, als auch sie ihrem Alltag entkommen will. Aber nicht die erotische Ausstrahlung, sondern die verträumte Traurigkeit eines alternden Filmregisseurs zieht sie an, dem Fellini einmal auf dem Festival in Venedig seine eigenen Schuhe schenkte. Es sind nicht Glanz und Ruhm, was der Regisseur der jungen Frau verspricht – was er ihr anbietet, ist, an seinem «grossen Film» mitzuträumen. Malka lässt sich von dem fremden Traum verführen, macht ihn sich zu eigen und träumt ihn weiter, und wenn am Ende die Wirklichkeit unverändert geblieben ist, so hat die Vorstellung ganz neue Möglichkeiten ausprobiert. Katzir, 1963 in Haifa geboren, umreisst ihre Figuren, sie deutet sie mehr an, als dass sie sie ausmalt. Ihren Erzählungen haftet eine impressionistisch-melancholische Note an, die die Slapstick-Episoden noch unterstreichen.

Verbrämte Melancholie zeichnet auch die Stimmung in der Erzählung von Yael Hedaya aus, in der eine Frau und ein Mann sich finden, verlieren und schliesslich wiederfinden. Die Figuren bleiben namenlos: «die Frau», «der Mann», «die Freundin», «der Hund». Mit dem Hund fängt die Geschichte an, mit ihm schliesst sie: der Mann und die Frau finden den Streuner bei ihrer ersten Verabredung und nehmen ihn zu sich. Als sie sich trennen, wird der Hund aus der Wohnung in den Hausflur verbannt, und als sie sich versöhnen, verschwindet er. So wird der Hund zum Seismographen einer Beziehung, die Hedaya, 1964 in Jerusalem geboren, mit grosser Sensibilität darstellt. Ein Mann und eine Frau glauben, miteinander – wenn nicht glücklich, so doch zufrieden – leben zu können, und bemühen sich, eine Beziehung aufzubauen und aufrechtzuerhalten. Ihre Zerrissenheit, ihre Handlungen, die Ängste und Zweifel zugleich kaschieren und demaskieren, machen diese Figuren zu realistischen Gestalten. Hedaya wechselt geschickt die Erzählperspektive und benutzt eine schmucklose Sprache, die die seelischen Verrenkungen der Figuren auf ein unpathetisches Mass stutzt. Es ist eine in ihrer Unaufdringlichkeit verstörende Geschichte, die Hedaya erzählt, eine Geschichte von der unerträglichen Leichtigkeit der Liebe.

 

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Letzte Aktualisierung: 19.08.2008

 


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